Lebende Bauten


Pflanzen oder Pflanzenteile werden in der Baubotanik als Konstruktionselemente, als eine Art "lebendes Halbzeug" aufgefasst. Sie werden zu einer baulichen Struktur zusammengefügt und gleichzeitig zu einem Gesamtorganismus verbunden. Damit wird nicht nur das Bauwerk, sondern auch der pflanzliche Organismus selbst konstruiert. Das heißt, dass die Grundstruktur einer „baubotanischen Pflanze“ entworfen wird – sie entsteht durch einen Akt des Bauens unmittelbar in der angestrebten Größe, und nicht wie ein gewöhnlicher Baum durch einen kontinuierlichen Wachstumsprozess. Gleichwohl ist ihr Entstehungsprozess mit der baulichen Fertigstellung keineswegs abgeschlossen. Denn erst durch die sich anschließenden Wachstumsprozesse entsteht aus den anfangs flexiblen und empfindlichen "Halbzeugen" eine selbstständig lebensfähige, robuste und belastbare Pflanzenstruktur.

 

Hinter diesem zunächst rein technischen Ansatz steht ein Wunsch, der in der Geschichte der modernen Architektur immer wieder aufkam und sich in unterschiedlichster Art und Weise artikulierte: Die Verlebendigung der Architektur. Baubotanische Bauten entsprechen diesem Wunsch wortwörtlich. Man kann sie als lebende Bauten bezeichnen, weil die Lebensäußerungen der Pflanze zu Lebensäußerungen des gesamten Bauwerks werden: Im Frühjahr treibt nicht einfach eine Pflanze, sondern ein Bauwerk aus, und im Herbst wirft nicht ein Baum, sondern ein Bauwerk seine Blätter ab. Diese Übertragung der Lebendigkeit von der Pflanze auf das Bauwerk gelingt, weil die Pflanzen nicht attributiv, sondern als elementare Bestandteile der Konstruktion verwendet werden.


oben: Projekt Steg (2005) Entwurf: Ferdinand Ludwig, Oliver Storz

unten: Projekt Turm (2009) Entwurf: Ferdinand Ludwig, Cornerlius Hackenbracht